Leseprobe: Das erste Kapitel von Zwei Ozeane am Abgrund

Es ist nicht immer leicht, Autorin zu sein. Eigentlich nie. Vor allem nicht, wenn man eine umfassende Bachelorarbeit schreibt und direkt danach einen Master beginnt, in einer fremden Stadt, bei fremden Leuten … dort, wo sich ohnehin schlechte Gefühle verschlimmern. Immerhin ist 2019 endlich das Taschenbuch zu Zwei Kontinente auf Reisen erschienen, aber leider noch kein neuer Roman.

Ich kann nicht versprechen, dass der zweite Band 2020 erscheint. Aber ich möchte euch als kleines Vor-Weihnachtsgeschenk eine Leseprobe des ersten Kapitels hochladen (gerne auch noch ein paar mehr, über die Frequenz denke ich aber noch nach).

Du hast den ersten Band nicht gelesen? Dann würde ich hier an deiner Stelle aufhören zu lesen. Die Leseprobe enthält MASSIVE Spoiler und ist, selbst wenn du dich spoilern lassen möchtest, ohne ein gewisses Vorwissen zu verwirrend.

Das erste Kapitel ist also ein riesiges Dankeschön an all die lieben Leute, die mich in diesem Jahr mit einem Buchkauf, Rezensionen und herzlichen Worten unterstützt haben. Das bedeutet mir viel, danke! Frohe Weihnachten!


Natürlich ist auch das Cover noch in Arbeit. Sehr.

Es folgt die aktuelle Fassung des ersten Kapitels von Zwei Ozeane am Abgrund. Kopien, Umschreibungen, Abtippereien et cetera verbiete ich ausdrücklich. Der Text erhebt keinen Anspruch, in der späteren Romanfassung exakt so wiedergegeben zu werden.


01.

Die Insel am anderen Ende des Ozeans verharrte wie ein ewiges Monument. Verwirrt musterte Kira die Gesteinsformation, die sie an einen Pilz erinnerte. Auf seinem Schirm ragten Häuser in den blauen Himmel. Das Meer rauschte unter ihr und einige Möwen kreischten, obwohl Kira keine entdecken konnte. Die Sommerluft konnte nicht verhindern, dass sich eine Gänsehaut über ihren Körper legte. Eigentlich befand sich diese Insel doch längst auf dem Grund des Meeres. Sie war zerbrochen und versunken, als Kira noch ein kleines Mädchen gewesen war.

Langsam sah sie auf ihre Hände hinab. Winzig waren sie, speckig. Unter ihren Fingernägeln sammelte sich dunkler Sand. Ihre Füße steckten in staubigen Lackschuhen, einer ihrer Strümpfe hatte seinen Halt verloren und war wie eine abgestoßene Schlangenhaut herabgerutscht.

Kira wurde heiß und kalt, ihre Kehle verengte sich. Warum war sie wieder acht Jahre alt? Eben noch war sie eine junge Frau gewesen, sie hatte … ja, was hatte sie eigentlich getan? Warum stand sie überhaupt an diesem Ort? Sie konnte sich daran erinnern, als Kind hergekommen zu sein, unzählige Male. Dieser Platz war ruhig, fernab von den Erwachsenen und unausstehlichen Mädchen wie Celia. Und doch war das alles Jahre her, da war sie sich sicher.

»Kira!«

Sie fuhr herum und schnappte im nächsten Moment nach Luft, als ihr ein dunkelhaariger Junge um den Hals fiel.

»Aaron!«, krächzte sie. »Was passiert hier? Warum sind wir wieder Kinder?«

»Du bist ein Kind«, lachte Aaron und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Ich bin schon zehn!«

Ihre Antwort war ein gequältes Lächeln. »Das ist nicht hilfreich«, murmelte sie. Aaron sah sie besorgt an.

»Ich mache nur Spaß. Was ist los mit dir? Es ist doch alles normal. Oder immerhin ungefährlich.«

»Aaron«, knurrte sie nachdrücklich. »Wir waren eben noch erwachsen. Warum sind wir wieder hier?«

»Ich war hier noch nie«, gestand Aaron und machte eine Handbewegung, die beinahe einladend wirkte. »Erkennst du es nicht? Das hier ist nicht der Blick, den wir früher hatten. Die Insel am Horizont ist eine andere.«

»Ja, und sie ist auch ziemlich stabil«, stimmte Kira zu und legte den Kopf schief. Ein Zopf rutschte über ihre Schulter, was sie in ihrem unguten Gefühl bestärkte. Sie hatte das schon seit Jahren nicht mehr gespürt, und doch war es so real wie in ihrer Kindheit. Das hier war zumindest ein wenig echt.

»Irgendwoher kenne ich diesen Anblick trotzdem«, murmelte sie. »Ich … weiß nur nicht, woher.«

Aaron nahm ihre Hand. »Kira, dort drüben ist unsere Heimat. Ich bin mir sicher, dass Augustin uns zeigen wollte, was aus ihr geworden ist.«

»Augustin?«

»Ja, äh, Augustin. Ist alles in Ordnung?« Aaron drehte sich zu ihr, griff nach Kiras Schultern und blickte in ihre Augen. »Wir sind gesprungen, erinnerst du dich nicht? Wir haben die Insel verlassen, weil er uns einen Morsecode geschickt hat. Über die Sterne.«

Schwallartig kehrte ihre Erinnerung zurück. Aarons Vater Augustin hatte vor wenigen Minuten Kontakt zu ihnen aufgenommen – das erste Mal, seit sie sich vor drei Jahren zuletzt gesehen hatten. Ihr Dasein verbrachten Aaron, Kira und all ihre Mitmenschen in einer Computersimulation. Nachdem die beiden ihre Insel von zwei tyrannischen Forschern befreit hatten, war Augustin an dem Ort geblieben, der offenbar die Realität war. Außer ihnen wusste niemand von dem Programm, Kira wollte sich die Reaktionen auf diese Tatsache auch nicht vorstellen. Sie selbst hatte schlaflose Nächte damit verbracht, die absurde Wahrheit begreifen zu wollen. Außerhalb der digitalen Welt hatten sie keine Körper und mussten mit klobigen, langsamen Robotern vorliebnehmen. Eigentlich waren sie Teil eines Experiments, dessen Zweck Kira zwar verstanden hatte, aber nicht wahrhaben wollte. Denn anscheinend gab es in der Realität keine Zukunft mehr. Die Erde war ein einziger Sandsturm, in dessen Auge ein Institut namens Wyoming Wonders stand. Hunderte, vielleicht tausende Experimente liefen hier, um irgendeine Lösung für die Probleme der Menschheit zu finden. Das Experiment von Insel 317 nahm daran nicht mehr teil, und statt zweier Forscher wachte nun eine einsame Seele über das Programm. Augustin hatte darauf bestanden, dass Kira und Aaron in die Heimat zurückkehrten. Sie sollten ein möglichst normales Leben führen, wie auch immer das aussehen sollte. Im Notfall wollte Augustin ihnen einen Code schicken. Und eben war es passiert: Sterne hatten im Takt geflackert. »Springt«, hatten sie verlangt. Vom Rand ihrer Heimat zu springen war der Weg zurück in die Realität.

Eigentlich.

Denn das hier war garantiert nicht real.

»Ich … wie konnte ich das vergessen?«, stotterte Kira. Der Boden unter ihren Füßen geriet ins Wanken, zwischen ihren Ohren brauste es.

»Vielleicht ist etwas schiefgegangen, nachdem wir gesprungen sind. Wir wissen schließlich nicht genau, was passieren kann«, überlegte Aaron laut.

»Überraschung, ihr seid wieder Kinder und dürft euch eure Heimat aus der Ferne ansehen«, imitierte Kira die Stimme von Augustin, den sie seit Jahren nicht mehr in seiner menschlichen Gestalt gesehen hatte. Es kostete sie viel Mühe, sich an sein gutmütiges Gesicht zu erinnern. Gleichzeitig brodelte Unbehagen in ihrer Magengrube. »Aaron, da stimmt doch etwas nicht. Wieso sollten wir hierfür vom Rand unserer Heimat springen?«

»Hmm, du hast recht«, murmelte er nachdenklich und ließ ihre Schultern los. Seine Augen wanderten unruhig vom Meer zurück zu Kira. »Er hat vor unserer Rückkehr ins Programm gesagt, dass wir nur im Notfall springen sollen. Das hier ist kein Notfall.« Plötzlich warf er einen Blick auf seine Füße hinab. »Spürst du das auch?«

Kira nickte, ihre Augen weiteten sich. »Ich dachte, mir ist nur schwindelig«, gestand sie.

»Ich auch«, entgegnete Aaron. »Aber die Insel hier ist offenbar nicht sehr stabil.«

»Großartig. Da haben wir unseren Notfall.«

Schlagartig wurde das Beben stärker, rüttelte ihre Knochen durch und verstärkte das Surren in Kiras Gedanken. Wie ein sausender Kreisel drehte es immer schnellere Bahnen zwischen ihren Ohren, allmählich schmerzte ihr Kopf.

Aaron zog sie vom Abgrund fort, doch noch ehe sie in die Nähe der Häuser kamen, neigte sich der Boden in Richtung des Meeres, als wollte die Insel nicht zulassen, dass sie sich vom Fleck bewegten. Kira rutschte auf dem Gestein nach unten, aber Aaron hielt sie fest. Der Ton wurde noch lauter, hinzu kam das Grummeln des Bodens, fernes Geschrei. Hier waren noch andere Menschen, und plötzlich erinnerte Kira sich an sie. An die dunklen Schemen, die in die Fluten stürzten.

»Diese Insel«, entfuhr es ihr, »Aaron, diese Insel haben wir untergehen sehen!«

Sie waren an jenen Tag zurückgekehrt, an dem Aaron und sie sich kennengelernt hatten. Der Tag, an dem in ihrer Heimat die erste Grenze gezogen wurde, der Anfang vom Ende. Und sie waren am völlig falschen Ort.

»Wir haben keine Chance!«, ächzte Kira und krallte sich trotzdem fester in Aarons Griff. Die Insel neigte sich weiter, die Häuser über ihnen gaben ein beunruhigendes Ächzen von sich. »Wir haben gesehen, was passiert!«

Sie konnte in Aarons Gesicht erkennen, wie sehr er nachdachte. Mit zusammengepressten Lippen und vor Schmerz gesenkten Augenbrauen schüttelte er den Kopf.

»Ich verstehe das nicht«, rief er. Kiras Blick fixierte seine linke Hand, mit der er eine Straßenlaterne umklammerte. »Warum will Augustin, dass wir herkommen? Was sollen wir tun? Er kann uns doch nicht einfach in den Tod schicken!«

Kira hätte beinahe aufgelacht, doch es gelang ihr nicht, die Angst in ihrer Brust zerspringen zu lassen.

»Wir können nicht sterben«, keuchte sie.

»Stimmt.«

Dann ließ Aaron los. Es war das Klügste, was er tun konnte. Trotzdem schaffte Kira es nicht, ihren Schrei zu unterdrücken. Sie schlitterte rückwärts auf den Abgrund zu, wedelte mit den Armen und hätte beinahe Aarons Hand verloren.

»Alles wird gut«, rief er, als sie über die Kante rutschten und in den freien Fall übergingen. Jetzt wartete nur noch der Aufprall, gefolgt von der Antwort auf ihre Fragen. Je tiefer sie fielen, desto schlimmer wurde das Geräusch in Kiras Kopf. Schließlich war es so laut, dass sie nicht mehr verstehen konnte, was Aaron brüllte.

Über den Aufprall wusste Kira wenig. Sie war schon einmal von einer Insel gesprungen, es war nicht viel passiert. Sanft war sie in Schwärze gehüllt worden, aber nur für einen Augenblick.

Das hier war anders. Sie schrie, als sie auf die Wasseroberfläche traf. Das Surren versuchte, ihren Kopf platzen zu lassen, Schmerz riss ihre Glieder auseinander. Als sie die Augen schloss, war alles taghell. Sie musste an die Schatten denken, die sie damals beobachtet hatte. War sie letztlich einer davon gewesen, durch einen paradoxen Zufall? In diesen Programmen lief anscheinend nichts so, wie es sollte.

»Schatz, ist alles in Ordnung?«

Ihre Augen waren noch immer zusammengekniffen. Das Licht störte sie durch die Lider hindurch, schmerzte, blendete. Sie schüttelte den Kopf, bevor ihr bewusst wurde, dass sie die Stimme nicht kannte.

»Du hast geschrien«, wurde sie erinnert. Die Stimme klang weich, mütterlich. Verwirrt schlug Kira die Augen auf und sah in das Gesicht einer schmalen Gestalt mit eingefallenen Augen. Sie war vermutlich Anfang fünfzig, hatte hohe Wangenknochen und eine dünne Nase.

»Schön, dass du endlich zu dir kommst«, sagte sie sanft. »Weißt du, was passiert ist, Carla?«

»…Carla?«, wiederholte Kira. »Sie müssen mich verwechseln, ich bin nicht Carla.« Ihr brummender Schädel meldete sich erneut mit Schmerzen.

 »Doch, doch, der Administrator hat es mir höchstpersönlich versichert. Er hat sogar eben nach dir gesehen. Er war schon lange nicht mehr in unserem Haus zu Gast.« Sie hielt inne. »Aber du wirst dich doch an mich erinnern, oder?«

Mit offenem Mund sah Kira die Frau an. »Der … Administrator? Und, äh, ich weiß wirklich nicht, wer Sie sind.«

Die Frau runzelte die Stirn, sie streichelte behutsam über Kiras Handrücken. »Carla, Spatz, ruh dich noch ein wenig aus, hm? Du bist ja ganz durcheinander. Ich hole dir ein Glas Wasser.«

Schon machte sie kehrt, spazierte summend durch den hellen Raum und verschwand durch einen roten Vorhang in den Nebenraum. Kira keuchte verwundert und sah sich um. Das Zimmer war schlicht, aber schön. Auf dem hellen Parkett standen Bücherregale, ein braunes Ledersofa, etliche Topfpflanzen und ein niedriger Tisch, auf dem stapelweise Papiere lagen. Es war viel zu normal für ein Zimmer in irgendeinem Programm. Nirgendwo lag Sand.

Kira sah an sich herab und erkannte, dass sie nicht mehr sie selbst war. Immerhin war sie älter als acht Jahre. Ihre Finger waren länger als sonst, die Haut daran warf Falten. Man hatte sie in ein grässliches gelbes Nachthemd gesteckt und ihr zudem einen neuen Namen gegeben. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und versuchte, ruhig zu atmen. Im nächsten Moment hielt sie die Luft an.

Carla war tatsächlich ihr Name. Carla Trenton. Es war der Name ihrer Seele. Das, was in diesem Programm umgebaut worden war, zu ihrem neuen Ich. Alles zum Zwecke der Forschung. Aber diesen Namen kannte niemand.

Mit einem wallenden Geräusch machte der Vorhang Platz für die Frau, die mit einem Glas Wasser zurückkehrte.

»Wo ist Aaron?«, wollte Kira hastig wissen. »Ist ihm etwas zugestoßen?«

Ihr Gegenüber sah sie mitleidig an. »Von wem sprichst du?«

»Na, von Aaron! Er ist mein Freund.«

»Soso, ist er das?«, hakte sie nach und setzte sich ungefragt auf Kiras Bettkante. Diese Art von Zärtlichkeit gefiel ihr nicht. Sie hatte es noch nie gemocht, bemuttert zu werden. Und noch weniger konnte sie es leiden, wenn man ihr nicht glaubte.

»Ja«, beharrte sie.

»Wie lange kennt ihr euch denn schon?«

»Ich war acht, er zehn«, entgegnete sie. »Warum glauben Sie mir nicht, dass er mein Freund ist?«

»Carla, ich kenne dich schon seit so vielen Jahren. Du warst nie an Männern interessiert. Es schmerzt mich, solche Worte von dir zu hören.«

Kira erbleichte. Wie auch immer sie hergelangt war, sie musste schleunigst hier weg.

»Ich fürchte, ich stecke gerade im falschen Körper«, nuschelte sie, zog ihre Beine an und versuchte, an der Fremden vorbei aus dem Bett zu steigen. Doch das Gesicht der Frau hatte sich mit einem Mal verfinstert.

»Carla, du solltest liegen bleiben. Wir müssen über Vieles reden. Was ist auf einmal los mit dir? Gestern Abend bist du vom Dach unseres Hauses gesprungen und ausgerechnet unser Administrator kommt vorbei, um nach deiner Genesung zu fragen? Ein Glück, dass dir nichts weiter passiert ist!«

Verwirrt betrachtete Kira ihre Arme. Sie war von einem Haus gesprungen? Sie hatte bis auf ihre pochenden Schläfen keine Schmerzen, von Wunden war ebenfalls nichts zu sehen.

»Ich bin nicht von einem Haus gesprungen, ich bin … von einer Stadt gesprungen«, erklärte sie. »Von einer Insel, um genau zu sein.«

Die Fremde legte die Stirn in Falten und atmete langsam aus. »Ich werde den Administrator herbestellen, Schatz. Er soll dir das wegprogrammieren, er hat wohl einige Fehler übersehen, als er dich wiederhergestellt hat.«

Sie wollte aufstehen, doch Kiras Hand grub sich hartnäckig in ihren Unterarm.

»Wer ist der Administrator?«

»Carla, du machst mir Angst«, entgegnete sie sichtlich verletzt. »Den Administrator kennt jedes Kind. Er hat unsere Inseln programmiert, das weißt du doch.«

Kira presste die Lippen aufeinander und hütete sich, sie noch weiter in die Verzweiflung zu treiben. Mit Mühe zwang sie ihre Mundwinkel nach oben.

»Das weiß ich doch, klar. Habe ich gefragt, wer er ist? Ich meine natürlich wo

Für einen Sekundenbruchteil glaubte Kira, dass das die richtige Möglichkeit war, Informationen aus ihr zu kitzeln. Stattdessen schüttelte sie entgeistert den Kopf.

»Draußen, schließlich muss er auf uns achten. Er hat sich nur kurz angeschlossen, um dich zu sehen. Das letzte Mal war er meines Erachtens zu Weihnachten außer der Reihe hier, um uns über die Updates zu unterrichten. Sonst sehen wir ihn nur bei dem Transfer. Weißt du doch.«

Kira fragte gar nicht erst, was ein Update oder Transfer war und nickte verlegen. »Ich wusste gar nicht, dass wir von der Existenz des Administrators wissen.«

»Wer bist du und was hast du mit Carla angestellt?«

Kira biss sich auf die Lippe und schaute ihr Gegenüber so ruhig wie möglich an. Ihre Hände zitterten, als die Frau nach ihnen griff.

»Oh nein, bitte schau nicht so. Schatz, es wird sich alles wieder richten. Der Sturz war offenbar schlimmer, als wir dachten. Leg dich noch ein wenig hin, ja?«

Ein wenig beunruhigte es Kira, dass sie innerhalb kürzester Zeit zwischen einer tadelnden und einer sanften Mutter wechselte. Da fiel ihr ein, dass sie offenbar alles andere als eine Mutter war – in diesem Körper war Kira offenbar mit dieser Frau zusammen.

Sie nickte und senkte ihren Kopf auf das Kissen, wobei sie sich fragte, ob sie sich alles nur eingebildet hatte. Die Insel, Aaron, den Sprung. Aber wenn diese Frau von einem Administrator sprach, der Inseln programmierte, war sie bestimmt noch innerhalb eines Experiments von Wyoming Wonders. Nur war dieses Experiment … anders. Wissender.

»Wer bist du?«, fragte sie tonlos.

»Ich bin deine Juniper. Wir sind seit acht Jahren ein Paar. Ich, äh, hoffe wirklich, dass du dich bald von selbst an alles erinnerst.«

Juniper gab ihr einen Kuss auf die Stirn und ging einige Schritte rückwärts, dann verließ sie den Raum in einer besorgniserregenden Eile, die ein flaues Gefühl in Kiras Magengegend verursachte.

Sie wartete zwei Minuten, in denen ihr Herz immer schneller pochte. Noch immer war sie allein, also schob sie vorsichtig einen Fuß über die Bettkante. Aufmerksam lauschte sie jedem Geräusch, doch seit ihrem Erwachen hatte sie wenig Außergewöhnliches vernommen. Als sie aufstand, knarrte das Parkett leise. Vor dem Fenster rauschten Wellen, die sie ein wenig trösteten.

Langsam durchschritt Kira den Raum und suchte nach ihrer Kleidung. Kopfschüttelnd stellte sie fest, dass sie zunächst ihren eigenen Körper finden musste.

Auf einem Stuhl entdeckte sie einen grauen Rock, eine Wollstrumpfhose und einen schrecklichen, weißen Pullover mit gesticktem Muster. Wer zwang erwachsene Menschen eigentlich dazu, sich so anzuziehen? Allerdings blieb ihr keine Wahl, wenn sie nicht im sonnengelben Nachthemd durch die Straßen taumeln wollte. Von Schuhen fehlte jede Spur. Sie öffnete die Schubladen einer Kommode, fand aber nur Brettspiele und Berge von Süßigkeiten. Für eine Sekunde überkam sie eine unbändige Gier. In ihrer Heimat hatte es beinahe nichts Süßes gegeben, nicht einmal Obst. Und das hier waren Dinge, die sie nicht einmal aussprechen konnte, allerdings erkannte sie Schokolade und buntes Papier. Eilig mahnte sie ihre Finger, still zu sein, schob die Schublade mit ihrer Hüfte zu und fuhr sich dabei durchs Gesicht.

Bei dem Gedanken, der fremden Frau das Herz zu brechen, wurde ihr erneut schlecht. Doch was blieb ihr anderes übrig? Sie hatte keine Zeit, sich hier umsorgen zu lassen. Augustin hatte sie gebeten, von ihrer Insel zu springen, und das hier war sicherlich nicht Teil ihrer Aufgabe. Sie musste dringend Aaron finden und schleunigst Kontakt zu Augustin aufbauen, vielleicht war dann Zeit, sich bei Juniper für den geklauten Scheusalspullover zu entschuldigen. Seufzend schlüpfte sie in die bereitliegende Kleidung.

An dem roten Vorhang bleib sie kurz stehen und lauschte. Sie wagte es nicht, ihren Kopf hindurchzustecken, also sah sie sich fieberhaft nach einem anderen Ausweg um. Von hier aus konnte sie durch das Fenster den Ozean sehen, allerdings viel näher, als sie es gewohnt war. Diese Insel war viel … niedriger. Kira warf einen Blick hinaus, während sie den Griff misstrauisch in die Hand nahm und das leise quietschende Fenster öffnete. Das sanfte Rauschen nahm nun das Zimmer ein. Im nächsten Moment war Kira schon aus dem Fenster gesprungen, wobei sie etwas zu spät feststellte, dass sie im ersten Stock gewesen war. Mit einem unvermeidbaren Aufschrei landete sie in einer Hecke. Fluchend kämpfte sie sich aus dem Geäst und beeilte sich, diese Straße hinter sich zu lassen. Juniper hatte sie bestimmt gehört, also lief sie in Wollstrumpfhosen durch die Mittagshitze und über schmutziges Kopfsteinpflaster, ohne sich genauer umzusehen. Stattdessen achtete sie vor allem auf die engen Wände der Gassen und die Gestalten darin, die sie mit trüben Augen begutachteten.

Auf Insel 317 hatte es die blassen und oftmals etwas übergewichtigen Amerikaner neben den dunkelhäutigeren Ruanern gegeben. Zwei Völker, die sich ständig beschuldigt hatten, einander das Wasser zu stehlen. Zum Glück waren diese Streitigkeiten vor drei Jahren aus dem Programm entfernt worden. Die Menschen, die hier herumliefen, kannte Kira nicht. Sie musste also entweder in einem anderen Teil des Programms sein – einem anderen Experiment – oder in einer sehr verwirrenden Realität. Die Möglichkeit, dass eigentlich alles nicht echt war, erschien ihr beruhigend und furchteinflößend zugleich.

Auch die Gassen sahen anders aus als in der Heimat. Sie waren schummrig und bedrückend eng, während sie die Gebäude an untergegangene Schiffe erinnerten.

Endlich hatte sie sich einen Weg ans Meer gebahnt. Erneut lauschte Kira, doch bis auf die Wellen war nichts zu hören. Es würde vermutlich nicht lange dauern, bis Juniper nach ihrer verwirrten Lebenspartnerin suchte, doch Kira brauchte den Moment, um durchzuatmen und sich zu orientieren. Als sie nach links abbog, öffnete sie erstaunt den Mund. Ein Schatten legte sich über einen großen Teil des Hafens. Über den Häusern ruhte eine Insel. Der steinerne Pilz war es, der dieses Gebiet verdunkelte. Im Gegensatz zu ihrer Heimat war der Schirm keine halbwegs gerade Fläche, sondern durchlöchert. Als hätte jemand Elefanten mit einem Katapult hinaufgeschossen. Es wunderte sie nicht, dass die Bewohner dieses Programmes unter dem Schirm lebten, vermutlich war es hier sicherer.

Die Trümmer der oberen Insel ragten wie eigene kleine Inseln aus dem Meer. Sie bildeten das Fundament für diese Stadt, hier und da ragten Felsen zwischen den Dächern hervor. Anscheinend waren die Häuser aus dem errichtet worden, was von der Insel gefallen war.

Aber was hatte das zu bedeuten? War ein Experiment gescheitert? Kira wurde erneut mulmig zumute. Es gab also doch eine Möglichkeit, die Zerstörung der Insel zu überleben. Andererseits war diese Insel nicht so zerstört wie andere, die Kira schon untergehen sah. Sie erinnerte sich daran, dass sie keine Zeit hatte, lange darüber nachzudenken. Allmählich hörte sie Tumult in den Gassen, von dem sie hoffte, dass er nicht ihr galt. Wenn sie schwimmen könnte, hätte sie sich ohne nachzudenken in die Fluten gestürzt und wäre in einem großen Bogen um diesen Stadtteil gekrault, doch so musste sie den Landweg wählen.

Nachdenklich musterte sie den Hafen. Vermutlich war es dort am einfachsten, an Informationen zu kommen, ohne schief angesehen zu werden. Es sei denn, Carla hatte auch eine Liebesbeziehung mit den Fischern.

Wo war eigentlich die Person hin, die vor ihr diesen Körper benutzt hatte, um ihn in einen schrecklichen Pullover zu hüllen? Hatte Kira diese Seele einfach verdrängt? So, wie sie die Künstliche Intelligenz eines Roboters überschreiben konnte?

Sie entschied sich dagegen, zurück in die Gassen zu gehen, und lief am äußeren Rand der Stadt auf den Hafen zu. Als Weg dienten mal Stege, mal Trümmerteile, die abgeschliffen worden waren. Jemand rief nach Carla, aber der Ruf klang weit weg. Sie entfernte sich immer weiter davon und fühlte eine beängstigende Leere in sich. Juniper war seltsamerweise die einzige Person, die sie hier kannte. Die einzige Person, die ihr eventuell helfen konnte. Andererseits wollte sie den Administrator holen, und dieser Gedanke behagte ihr nicht. Jemand, der keinen Namen, sondern nur einen Titel hatte, konnte nicht freundlich und hilfsbereit sein. Vor allem musste dieser Administrator wissen, dass Kira eine andere Person überschrieben hatte, oder? Wenn er Carla tatsächlich kurz nach ihrem Sprung überprüft hatte, muss es ihm aufgefallen sein. Die Forscher Hana und Elliott, die so etwas wie die Administratoren ihrer Heimat gewesen waren, hatten einmal zwei Roboter heruntergefahren und innerhalb weniger Minuten festgestellt, dass Augustin und Kira in ihnen steckten. Wenn selbst die beiden das schafften, schaffte es auch der Administrator. Vorausgesetzt, dieser Name stand nicht wie Khan oder Basílissa für einen Herrschertitel, sondern wirklich für den Verwalter. Den Verwalter von Wyoming Wonders. Kira schauderte.

Sie huschte um eine Ecke und blieb hinter einem Stapel Kisten stehen, um durchzuatmen. Wie schön es war, kein Roboter mehr zu sein, wurde ihr immer wieder neu bewusst. Sie konnte leichtfüßig laufen und jederzeit ihre Gefühle zeigen, wovon sie bis vor drei Jahren nie geglaubt hätte, dass es eine wertvolle Fähigkeit war. Eigentlich hätte sie nach Aarons und ihrem Sprung in die Tiefe erneut in einem Roboter erwachen müssen, doch offensichtlich war das nicht der Fall. Allerdings wusste Kira nicht, was genau passierte, wenn sie ein Experiment mit einem Sprung verließ. Im Grunde genommen war es ein Fehler im System, dass sie nicht auf irgendeinen Server übertragen und in ein anderes Experiment geschickt wurde.

Kira erstarrte. Was hatte sie da gerade gedacht? Genau das war ihr passiert! Sie war so behandelt worden, wie es eigentlich sein sollte – sie war in ein anderes Programm umgesiedelt worden. Jetzt blieb nur noch die Frage offen, warum sie den Körper einer anderen Seele eingenommen hatte. Wenn sie sich recht entsann, hätte sie eigentlich einen eigenen Körper bekommen sollen. Außerdem dürfte sie sich nicht mehr an ihr vorheriges Dasein erinnern, oder? Sie hoffte, dass Augustin eine gute Erklärung für all das hatte.

Langsam lehnte sie sich vor und linste um Kisten herum. Hier am Hafen gab es nur wenige Boote, behelfsmäßig zusammengezimmert und offenbar für den Fischfang gedacht. Eine Fähre zu ihrer Heimatinsel wäre zwar schön gewesen, aber Kira hatte in ihrer Kindheit lange genug das Meer beobachtet, um zu wissen, dass es solche Schiffe nicht gab. Es gab keine U-Boote, keine Hubschrauber, keine Flugzeuge, keine Züge, aber Autos. Sie waren die verrostete Heimat von Unkraut, oder so wertvoll, dass sie in Garagen vergessen wurden.

Einige Männer arbeiteten am Kai und trugen Ausrüstung von einer Lagerhalle auf ein schmales Boot, das den Namen Hilde hatte. Kira schmunzelte, sammelte all ihren Mut und ging auf die Männer zu.

»Entschuldigung«, rief sie. »Könnten Sie mir vielleicht helfen?«

Zwei bullige Gestalten zuckten zusammen und sahen sie verständnislos an. Ein Mann, der einen halben Kopf kleiner als Kira war und Muskeln wie ein Gorilla hatte, trat näher. Er trug leichte Kleidung und ein verschwitztes, gelbliches Stirnband.

»Tach auch. Haben Sie sich verlaufen?«

»So in der Art«, bejahte Kira und schöpfte Hoffnung aus dem Umstand, dass der Mann seine Ausrüstung auf dem Boden abstellte, um ihr zuzuhören. »Ich bin gerade erst in dieses Programm gekommen, aber irgendwie bin ich falsch. Ich sollte auf Insel 317 geschickt werden. Wo bin ich hier genau?«

Niemand auf ihrer Heimatinsel wusste, dass sie alle nur Teil eines Programmes waren. Auch nach den Geschehnissen vor drei Jahren, in dessen Folge Kira zur Bürgermeisterin geworden war, hatte sie es vorgezogen, niemandem davon zu erzählen. Aaron wusste es natürlich, aber der Rest der Insel sollte nicht mit der Ungewissheit und Angst leben, die diese Erkenntnis mit sich brachte. Wenn dieser Hafenarbeiter also wusste, dass sie Teil eines Programmes waren, war dieses Experiment erheblich anders kalibriert als das ihre. Andernfalls würde sie noch einige wirre Worte murmeln und geisteskrank davonstürmen, auch wenn sie sich schon bei dem Gedanken daran schämte.

»Insel 317?«, wiederholte der Mann langsam. Kiras Herz sackte ein Stückchen tiefer, als er sie erstaunt musterte. »Das ist ganz schön weit weg. Wir sind hier auf Insel 002, quasi dem Zentrum aller Programme. Da wurden Sie ganz schön falsch herumgeschickt.« Jetzt verdunkelte sich sein Blick, er trat ein wenig näher und musterte Kira argwöhnisch. »Und woher wissen Sie, dass Sie sich in einem Programm befinden?«

»Ich stamme von Insel 001, da weiß man das eben«, log Kira rasch. Hoffentlich schluckte er das.

»Lügen Sie mich nicht an, Insel 001 ist gescheitert«, lachte ihr Gegenüber und deutete nach oben auf den löchrigen Schirm. »Aber okay, ich kann verstehen, wenn Sie nicht darüber reden wollen.« Nun senkte sich seine Stimme bedrohlich. »Und nun posaunen Sie das nicht überall herum – die Wände haben Ohren. Überall.«

Kira schaute sich um, doch sie konnte nur die beiden bulligen Gestalten sehen, die ihrer Arbeit nachgingen.

»Reden Sie vom … Administrator?«

Der Hafenarbeiter verschluckte sich beinahe an seiner Empörung. »Den Namen würde ich an Ihrer Stelle nicht laut aussprechen. Aber ja, unter anderem lauscht er. Den Rest übernehmen seine Lakaien, die R4. Sie laufen hier und außerhalb überall umher, die sind verdammt schnell.«

Kira erinnerte sich, dass R4 neben den R1, R2 und R3 Bestandteil eines Labors waren. Sie alle waren Roboter, die unterschiedliche Aufgaben verfolgten. Im Laufe des Experiments von Insel 317 war die Arbeit der ersten drei Roboter verschmolzen, aber R4 blieb weiterhin außerhalb des Labors und kümmerte sich um Botengänge. Zumindest konnte sie sich daran erinnern, die emotionslosen Körper auf den Fluren von Wyoming Wonders gesehen zu haben. Sie hütete sich, auch nur einen Ton darüber zu verlieren. Kira wusste ohnehin viel zu viel über die Programme. Trotzdem gab es vieles, was sie nicht verstand. Wie waren die Welten verbunden? Was geschah, wenn eine Seele starb? Und wer war dieser Administrator?

Kira lächelte harmlos. »Ich werde mich daran halten, vielen Dank. Sagen Sie mal, gibt es hier eigentlich Forscher, an die ich mich wenden kann?«

»Das ist eine gute Idee«, stimmte der Arbeiter zu und sammelte seine Utensilien vom Boden auf. »Wir haben eine Forscherin, die eng mit dem Administrator zusammenarbeitet. Sie wird Sie zurück auf Ihre Insel bringen können.«

»Wo finde ich diese Forscherin?«, hakte Kira nach.

»In der Weststadt, dort kennt sie jeder. Fragen Sie einfach nach Juniper.«

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